Der Stossdämpfer unseres Körpers So schützen Sie Ihre Bandscheibe!
23 Bandscheiben stecken in unserer Wirbelsäule und die stehen ständig unter Druck.
Wie Stossdämpfer beim Auto federn sie Erschütterungen ab, sorgen dafür, dass wir uns reibungslos bewegen können. Schmerzhaft kann es aber werden, wenn die Polster-Mechanik Risse bekommt. Was dann zu tun ist und wie Sie die Bandscheibe schützen, damit Sie lange geschmeidig bleibt, erklären Experten in BILD am SONNTAG.
Was sind die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen?
Dr. Reinhard Schneiderhan, Präsident der Deutschen Wirbelsäulenliga: „Einseitige Körperhaltungen, wie langes Sitzen, sowie Arbeiten mit nach vorn geneigtem Oberkörper, wie es zum Beispiel bei Köchen vorkommt. Aber auch langes Stehen, wie es Verkäuferinnen tun müssen. Weitere Ursachen sind Fehlbelastung und Überlastungen, ungenügend ausgebildete Rücken- und Rumpfmuskulatur sowie Übergewicht. Die Bandscheiben werden dadurch falsch belastet, die Wirbelgelenke überlastet. Langfristig kann ein Bandscheiben- sowie Wirbelgelenkverschleiss, also eine Arthrose, entstehen.“

VERLAUF: „Vor drei Jahren war ich übergewichtig, wollte abnehmen und fuhr täglich 20 bis 90 Kilometer Rad. Beim Absteigen durchfuhr mich auf einmal ein unerträglicher Stich vom Rücken ins rechte Bein. Hexenschuss, meinte der Arzt, verordnete entzündungshemmende Mittel. Doch die Schmerzen waren nach Wochen nicht weg. Erst ein Orthopäde stellte fest: Bandscheibenvorfall L5/S1*.“
Wie oft sind die Bandscheiben an Rückenschmerzen schuld?
Dr. Patrick Simons, Neurochirurg und Wirbelsäulentherapeut, Mediapark-Klinik Köln: „Bei den 35- bis 55-Jährigen sind die Bandscheiben zu 60 bis 70 Prozent der Grund für Rückenschmerzen. Bei älteren Menschen liegt es häufiger am Gelenkverschleiss. Bei jungen Patienten eher an Muskelproblemen.“
Was passiert bei einem Bandscheibenvorfall?
Dr. Patrick Simons: „Der Faserring einer Bandscheibe reisst und ihr gallertiger Kern tritt aus. Anders bei einer Bandscheibenwölbung. Hier wölbt sich das Bandscheibengewebe nach aussen über die Wirbel. Der Faserring reisst aber nicht.“
Fühlen sich Vorfall und Vorwölbung gleich an?
Dr. Patrick Simons: „Nein. Eine Vorwölbung erzeugt in der Regel mehr Rückenschmerzen. Denn dabei entsteht Spannung auf den Faserring. Bei einem Bandscheibenvorfall können Rückenschmerz und Spannung direkt nach dem Auftreten des Vorfalls sogar nachlassen. Als Folge können aber Nerven anschwellen und eine Entzündungsreaktion kommt hinzu. Die dann heftigen Schmerzen spürt man im Bein, teilweise mit einem Kribbeln, einer Taubheit oder Schwäche.“
Wie erkennt der Arzt einen Bandscheibenvorfall?
Dr. Schneiderhan: „Ganz wichtig ist es, mit dem Patienten lange, das heisst mindestens 15 Minuten, über die Schmerzen zu sprechen. Wann und wo treten sie auf? Und wie lange schon? Bei der anschliessenden körperlichen Untersuchung findet der Arzt erhebliche Muskelverspannungen und Schmerzen an Armen oder Beinen bei Bewegungen oder Dehnungen. In seltenen Fällen sehen wir neurologische Ausfallerscheinungen, wenn sich ein Fuss oder eine Hand pelzig oder taub anfühlen, oder der Patient durch muskuläre Schwächen Probleme beim Gehen hat. Eine Computer- oder Kernspintomographie macht Bandscheibenvorfälle sichtbar und zeigt deutlich die Ausdehnung an. Dort wird auch sichtbar, ob hervorgetretenes Bandscheibengewebe auf Rückenmark oder Nervenwurzeln drückt.“
Wenn ein Bandscheibenvorfall festgestellt wird, wie wird er akut behandelt?
Dr. Patrick Simons: „Zunächst muss festgestellt werden, ob der Vorfall einen Nerv geschädigt hat. Ist dies nicht der Fall, bleibt genügend Zeit, um eine natürliche Heilung abzuwarten und zu unterstützen. Dabei empfehlen wir übrigens keine Bettruhe mehr. Bewegung ist, so weit möglich, hilfreich. Droht ein Nerv zerstört zu werden oder wird die Lebensqualität aufgrund einer Nervenschädigung oder der Schmerzen erheblich verschlechtert, sollte über eine OP nachgedacht werden. Doch die Entscheidung dafür liegt beim Patienten.“
Wie kann der Arzt die natürliche Heilung unterstützen?
Dr. Patrick Simons: „Bei der konservativen Behandlung, zu der Spritzen gehören, geht es darum, die Schmerzen einzuschränken, und die Nebeneffekte des Bandscheibenvorfalls wie Entzündung und Schwellung zu bekämpfen. Danach kann eine entspannende Physiotherapie, zum Einsatz kommen. Die Bandscheiben können dann regenerieren.“
Was kann manuelle Therapie, also zum Beispiel Einrenken, bei Rückenschmerzen leisten?
Dr. Patrick Simons: „Sie ist etwa bei einem Hexenschuss angebracht. Dies ist in der Regel kein Bandscheibenvorfall, sondern eine Fehlstellung der Gelenke, die sich durch die nachfolgende schmerzhafte Verspannung nicht mehr löst. Manuelle Therapie kann die Wirbelsäule wieder optimal ausrichten. Beim akuten Bandscheibenvorfall ist dies Verfahren nicht angebracht, weil man die Bandscheibe nicht zusätzlich belasten sollte.“
Wie viele Bandscheiben-Operationen finden pro Jahr in Deutschland statt?
Dr. Schneiderhan: „Präzise Zahlen gibt es nicht, da keine einheitliche Erhebung stattfindet. Aber wir schätzen die Zahl der Bandscheiben-Operationen in Deutschland auf circa 100 000 pro Jahr. Viele von ihnen sind jedoch unnötig und erfolgen zu schnell. Trotzdem ist die Tendenz sogar noch steigend.“
Was sind moderne Operationsmethoden?
Dr. Patrick Simons: „Weltweit erfolgreich eingesetzt wird die mikrochirurgische Operation mit dem 3D-Mikroskop. An der Brustwirbelsäule hingegen ist der endoskopische Weg häufig der bessere. Manchmal muss man eine Wirbelsäule künstlich stabilisieren.“
Wie läuft etwa ein 3D-mikro-chirurgischer Eingriff ab?
Dr. Patrick Simons: „Mit einem Röntgenbild wird der Vorfall markiert, es folgt ein kleiner Hautschnitt über die Dornfortsätze. Nur an der betroffenen Seite wird ein Teil des langen Rückenmuskels mit einem kleinen Spreizer zur Seite geschoben. Mithilfe eines Mikroskops und kleinen Instrumenten wird der Nerv wenige Millimeter verschoben, das ausgetretene Bandscheibengewebe entnommen.“
Gibt es Bandscheiben-Prothesen?
Dr. Patrick Simon: „Seit Jahrzehnten suchen Forscher nach einem Ersatz für gealterte Bandscheiben. Heute ist es Praxis, eine Bandscheibe durch zwei übereinander gleitende Metallplatten zu ersetzen, manchmal mit einer Kunststoffschicht dazwischen. Einer Bandscheibe gleichwertig ist dies aber leider nicht.“
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer OP etwas schiefgeht?
Dr. Schneiderhan: „Erfolgt der Eingriff durch einen erfahrenen Operateur in einem spezialisierten Wirbelsäulenzentrum oder durch einen Operateur einer spezialisierten Klinik, ist die Komplikationsrate extrem gering. Jeder Betroffenen sollte den Operateur fragen, wie viele Bandscheiben-OPs er bereits durchgeführt hat. Ein Vergleich von Spezialisten und ihrer Erfahrung lohnt sich hier wirklich.“
Wie schützt man seine Bandscheiben, damit es gar nicht zum Vorfall kommt?
Dr. Simons: „100prozentigen Schutz gibt es nicht. Sicher aber ist: Gute Rückenmuskeln unterstützen die Bandscheiben. Werden die nicht den ganzen Tag gequetscht, können sie durch Blutgefässe besser mit Nährstoffen versorgt werden. Wichtig: abwechselnde Körperhaltung und viel Bewegung.“



