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Am 8. März 1989 stürzte Winfried
Freudenberg aus seinem mit Erdgas gefüllten Ballon über
West-Berlin zu Tode. Er war das letzte Todesopfer an der
innerdeutschen Grenze; am 9. November gleichen Jahres
öffnete die DDR – ein knappes Jahr vor ihrer Abwicklung per
Wiedervereinigung – ihre Grenzen. In den gut vierzig Jahren
seit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik im
Oktober 1949 hatten etwa drei Millionen der durchschnittlich
17 Millionen Einwohner dem Arbeiter- und Bauernstaat den
Rücken gekehrt – rund
Das eigene Land zu verlassen – dieses simple Recht war durch mehrere internationale Abkommen garantiert, unter die auch die DDR ihre Unterschrift gesetzt hatte. Doch die realsozialistische Republik konnte den steten und ideologisch höchst peinlichen Aderlass an qualifizierten Arbeitskräften nicht tolerieren: Mit Selbstschussanlagen, Todesstreifen und Schiessbefehl versuchte das SED-Regime, die «Abstimmung mit den Füssen», wie die Massenflucht auch genannt wurde, zu verhindern. Aber wie hermetisch die Grenze auch abgeriegelt wurde, immer wieder wurde sie überwunden. Zwar bezahlten manche «Republikflüchtige» wie der unglückliche Freudenberg ihren Fluchtversuch mit dem Leben oder verschwanden für Jahre in Bautzen, doch stets gab es solche, die erfolgreich waren – mit zum Teil unglaublich phantasievollen und spektakulären Fluchten. Wie jenes zehnjährige Mädchen zum Beispiel, das 1971 in zwei miteinander verbundenen Fluchtkoffern in den Westen geschmuggelt wurde Massenflucht im «Tunnel 57 In Berlin wurden zahlreiche Tunnel gegraben, um die Flucht unter der Mauer hindurch zu ermöglichen. Manche davon wurden entdeckt, bevor das Unternehmen gelang. Einer der spektakulärsten Tunnel wurde 1964 unter der Leitung des Schauspielers Wolfgang Fuchs von etwa 30 Westberliner Studenten und ihren Freunden in monatelanger Arbeit zwischen der Bernauer und der Strelitzer Strasse gegraben. Der insgesamt 145 Meter lange Tunnel unterquerte die Mauer in zwölf Meter Tiefe und war nur 90 Zentimeter hoch. Zwischen dem Durchbruch am 3. Oktober und der Entdeckung zwei Tage später gelangten insgesamt 57 Männer, Frauen und Kinder in den Westen, was dem Bauwerk nachträglich den Namen «Tunnel 57» eintrug. Bei der Entdeckung kam es zu einem Schusswechsel mit Grenzsoldaten; ein ostdeutscher Grenzer starb. Drei Brüder – drei Fluchten
Hijacker mit Spielzeugpistole Ebenfalls per Flugzeug verliess Alexander Tiede seine ungeliebte Heimat. Der Kellner entführte 1978 eine polnische Linienmaschine auf dem Flug von Danzig nach Berlin-Schönefeld und zwang sie zur Landung auf dem Westberliner Flughafen Tempelhof. Tiede hatte zuvor mit seiner Kollegin Ingrid Ruske und deren zwölfjähriger Tochter Sabine über den polnischen Hafen in den Westen fliehen wollen, aber dieser Fluchtversuch scheiterte noch im Ansatz, weil Tiede annahm, die Stasi habe den Fluchthelfer mit den Pässen verhaftet. Aus lauter Verzweiflung – Tiede glaubte, man werde ihn bei der Ankunft in Ostberlin festnehmen – bedrohte der damals 33-Jährige die polnische Stewardess mit einer auf dem Flohmarkt gekauften Spielzeugpistole. Und der Bluff gelang: Nach 20 Minuten Kreisen landete die TU 134 in Westberlin. Neben Tiede und seinen Begleiterinnen blieben gleich noch sieben weitere Passagiere im Westen. Tiede wurde zu neun Monaten Haft verurteilt; Hollywood verfilmte den Fall 1988 («Judgment in Berlin»). Ballonfahrt in die Freiheit Auch die Familien von Peter Strelzyk und Günter Wetzel gelangten auf dem Luftweg in den Westen. Nach einem misslungenen Versuch im Juli 1979 schafften es die insgesamt acht Personen im September gleichen Jahres, die innerdeutsche Grenze zwischen Thüringen und Bayern im selbstgebastelten Heissluftballon zu überwinden. Selbstgebastelt, weil der Ballonsport in der DDR aus guten Gründen verboten war. Für die Ballonhülle nähten die Fluchtwilligen 850 Quadratmeter Bettlakenstoff zusammen. Fluchtroute Ostsee Im Westen und Süden wartete die mörderisch befestigte innerdeutsche Grenze auf die «Republikflüchtigen». Im Norden aber winkte eine nasse Lücke: Über die Ostsee konnte man nach Schleswig-Holstein oder Dänemark gelangen. Der Ausweg über das Meer hatte indes seine eigenen Gefahren: Niemand weiss, wie viele Schwimmer entkräftet und unterkühlt in den Fluten untergegangen sind. Aber es gab auch Erfolgsgeschichten. Jene von Bernd Böttger zum Beispiel, der die DDR-Grenzer mit einer ingeniösen Erfindung narrte. Böttger baute einen Zwei-Takt-Fahrradmotor in ein 50 Zentimeter langes Korpus ein – ein Gerät, das heute Aqua-Scooter heisst. Der erste Fluchtversuch im Juli 1967 misslang; Böttger verschwand acht Monate im Gefängnis. Doch dann, im September 1968, liess sich Böttger – ausgerüstet mit Flossen, Schnorchel und Brille – von einem neuen Scooter einen halben Meter unter Wasser nach Westen ziehen. Fünf Kilometer pro Stunde machte das Unterwassergefährt, das Böttger später patentieren liess und mit dem die US-Navy dann Kampfschwimmer ausrüstete. Erfolgreich verlief auch die waghalsige Flucht der beiden Surfer Dirk Deckert und Karsten Klünder, die sich ihre Boards aus dem Styropor von Bauisolierplatten gebastelt hatten. Im November 1986 surften sie von der Insel Hiddensee aus nach Dänemark. Es ging auch ohne Surfbrett: In einem Neopren-Anzug, dem einzigen in der DDR erhältlichen Modell, schwamm Mario Wächter im September 1989 19 Stunden lang Richtung Westen, bis er von einem bundesdeutschen Schiff aufgefischt wurde. Wächter hätte sich die gefährliche Tour wohl sparen können: Wenige Wochen später fiel die Mauer. |