14. Februar 2007, Neue Zürcher Zeitung

 
 
     
     
 

Die He 178 - das erste Düsenflugzeug

Im Geheimen realisierte Konstruktion des Deutschen Ernst Heinkel

Der deutsche Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel hat 1939 das erste Düsenflugzeug der Welt gebaut. Das musste er allerdings im Geheimen tun, weil das Reichsluftfahrtministerium kein Interesse an dem neuen Konzept gezeigt und frühere Versuche untersagt hatte.

 
 

                                                         


Von Alfred Waldis*

Der deutsche Konstrukteur Ernst Heinkel war einer der Ersten, die die Grenzen des Propellerantriebes erkannten. Als Schöpfer schneller Flugzeuge wie des Verkehrsflugzeuges He 70 «Blitz» von 1932 oder des Jagdflugzeuges He 100, das am 30. März 1939 den Geschwindigkeitsweltrekord von 746,606 km/h erzielte, sah er eine weitere Leistungssteigerung nur im Raketen- und Düsentriebwerk. Nach Versuchen in einem umgebauten Jagdflugzeug vom Typ He 112 baute er ein Spezialflugzeug mit einem Raketenmotor. Der kleine freitragende Tiefdecker in Ganzmetallbauweise, die He 176, hatte eine Spannweite von nur 5 m und eine Länge von 5,20 m. Das Maximalgewicht lag bei 1620 kg und ergab eine Flächenbelastung von 300 kg/m[2]. Als Antrieb diente ein Triebwerk der Firma Hellmuth Walter in Kiel. Dieses arbeitete mit Wasserstoffperoxid als Sauerstoffträger und einem Methanol-Gemisch als Brennstoff. Am 20. Juni 1939 gelang dem Testpiloten Erich Warsitz in Peenemünde der erste Flug.

Das Ministerium nicht interessiert

Das Reichsluftfahrtministerium war an dieser Entwicklung nicht interessiert und verbot weitere Versuche. Allerdings hatte Heinkel damals bereits erkannt, dass die Einsatzdauer von Raketenflugzeugen wegen des ausserordentlichen Brennstoffverbrauchs zu kurz war. Dagegen räumte er dem völlig neuen Konzept der Strahlturbine grössere Zukunftsaussichten ein; parallel zu den Arbeiten an der He 176 entstand im Heinkel- Werk in Rostock-Marienehe, ebenfalls ohne staatliche Unterstützung und ohne Wissen des Reichsluftfahrtministeriums, die He 178, das erste Düsenflugzeug der Welt.

Am 9. November 1935 hatte der erst 24-jährige Hans-Joachim Pabst von Ohain das Patent für ein Verfahren zum Umwandeln von Wärme in kinetische Energie eines Gasstromes angemeldet. Heinkel engagierte Pabst von Ohain. Dieser nahm 1936 mit seinem engsten Mitarbeiter Max Hahn unter strenger Geheimhaltung im Heinkel- Werk die Entwicklungsarbeit an einem Strahltriebwerk auf. Nach Versuchen mit den Motoren HeS 1 und 2 folgte HeS 3A mit einem Standschub von 450 kp; als Brennstoff kam jeweils Wasserstoff zur Anwendung. Zur Erprobung wurde das Triebwerk an einer He 118 angebracht.

Der Erfolg veranlasste Heinkel zum Bau des Triebwerkes HeS 3B und zur Konstruktion des Prototyps He 178. Dieser war ein freitragender Schulterdecker in Ganzmetallbauweise, hatte eine Länge von 7,48 m und eine Spannweite von 7,20 m, ein Rüstgewicht von 1620 kg und eine Zuladung von 400 kg, wovon 300 kg Brennstoff; das Startgewicht betrug 2000 kg. Die Turbine - ein Axialverdichter - mit 360 kg Gewicht und einer Länge von 1,63 m entwickelte bei 13 000 Umdrehungen in der Minute und in einer Höhe von 6000 m einen Schub von 500 kp. Das Triebwerk befand sich hinter dem Pilotensitz in der Rumpfmitte, und der zentrale Luftansaugkanal führte von der Spitze unter dem Pilotensitz hindurch zur Turbine; als Brennstoff diente Benzin. Die Höchstgeschwindigkeit wurde mit 700 km/h, die Reisegeschwindigkeit mit 580 km/h und die Landegeschwindigkeit mit 165 km/h berechnet.

Erinnerungen des Testpiloten

Am 20. August 1939 stand die He 178 flugbereit im Hangar. Drei Tage später begannen die Rollversuche, die wegen der Geheimhaltung auf die Zeit von morgens 4 bis 6 Uhr festgelegt worden waren. Am 27. August war es dann so weit. Der Schreibende möchte hier den Bericht des Testpiloten Erich Warsitz wiedergeben, den dieser ihm bei einem Gespräch vermittelte: «Heinkel und Ohein schieben mit anderen das Flugzeug zum Startplatz. Ich zwänge mich in die Kabine, Heinkel reicht mir die Hand, wünscht Hals- und Beinbruch. Dann starte ich das Triebwerk, es kommt sofort auf volle Touren, und die Maschine steigt sehr schnell auf 500 m Höhe. Ich konzentriere mich auf die Instrumente, doch am Fahrgestell ist etwas nicht in Ordnung, ich versuche vergeblich, es einzuziehen, und fliege mit ausgefahrenem Fahrwerk weiter. Ich ziehe mehrere Kurven, leite nach sechs Flugminuten die Landung ein, schalte das Triebwerk aus und setze sicher auf. Die Spannung ist vorbei.» Die Startstrecke betrug 300 m, die erreichte Geschwindigkeit 600 km/h.

Heinkel und Warsitz telefonierten anschliessend - um 4 Uhr 30 früh - mit Ernst Udet in Berlin und teilten ihm mit, dass soeben der erste Flug eines Düsenflugzeuges stattgefunden habe. «Der General schimpfte in allen Tonarten, weil wir ihn so früh geweckt hatten», erinnerte sich Warsitz. «Die Beamten des Reichsluftfahrtministeriums, dem Udet angehörte, kamen erst zwei Monate darauf nach Rostock; sie waren nicht sonderlich interessiert und gaben ihrer Abneigung unverhohlen Ausdruck, denn Heinkel hatte die gesamte Entwicklung ohne deren Wissen und Unterstützung unternommen.»

Im Krieg zerstört

Heinkel erkannte gewisse Mängel an der He 178 wie den zentralen Lufteinlass, der bei höheren Geschwindigkeiten zu Instabilitäten im Flugverhalten führte, sowie die lange Luftzufuhr und die Abweggase, die Leistungseinbussen verursachten. Er entwickelte in der Folge das Triebwerk HeS 8, das in das Flugzeug He 280 eingebaut wurde, den ersten voll ausgerüsteten Bomber mit zwei Strahltriebwerken, der zudem erstmals mit Schleudersitz ausgerüstet war. Der Erstflug fand am 5. April 1941 statt. Auf die Serienherstellung wurde jedoch verzichtet zugunsten der Messerschmitt Me 262. Die He 178 verblieb in den Heinkel-Werken und wurde im Krieg zerstört.

* Der Autor war Mitgründer und erster Direktor des Verkehrshauses der Schweiz in Luzern.

                                                          

 

 

bild5.gif