Horror-Show im Internet

 

Ob Mord- oder Tsunami-Opfer – im Internet wird die Menschenwürde bewusst missachtet

 

VON MICHAEL CROWLEY

 

   DANIEL PEARL und Nick Berg hatten drei schreckliche Dinge gemeinsam. Beide waren amerikanische Juden, die von Islamischen Fundamentalisten entführt wurden. Beide wurden vor laufender Kamera enthauptet. Und von beiden wurden die Videos ihres grausamen Todes im Internet veröffentlicht, wo sie inzwischen vermutlich mehrere Millionen Male angeklickt worden sind.

   Eine der Webseiten, die Pearsl Ermordung zeigt – Daniel Pearl war Journalist für das Wall Street Journal und wurde im Jahr 2002 in Pakistan entführt -, war eine der ersten, die zwei Jahre später auch das Video von Bergs Enthauptung im Irak ins Netzt stellte. „Ja, wir haben das amerikanische Enthauptungs-Video!“, verkündete der Betreiber stolz auf seiner Homepage.

   Man könnte meinen, es handle sich hier um eine Webseite militanter Islamisten. Weit gefehlt! Die Webseite ist in den USA registriert und hat ausschliesslich die Verbreitung und Verherrlichung extremer Gewalt zum Ziel. So findet man unter der Rubrik „Haben sie das Leben im Griff?“ hunderte Darstellungen von Toten, verstümmelten oder einen elenden Tod sterbenden Menschen. Unlängst pries die laufend aktualisierte Webseite „Schockierende Bilder von Ermordungen“, „Selbstmord mit Handgranate“ und „Tod durch Ertrinken“ als der letzte Schrei an.

 

 Gewisse Seiten brüsten sich mit Mord und Totschlag sowie Qualen aller Art.

 

   Im Internet wimmelt es von solchen Auswüchsen. Eine weitere amerikanische Webseite brüstet sich damit, man sammle „Bilder und Informationen …., die dem Betrachter ein unangenehmes Erlebnis bieten“. Ein wahres Wort, den unter den neuesten „Errungenschaften“ dieser Schock-Seite befanden sich unter anderem ein Foto von einem Mann, der von einem Auto überfahren wird, und ein Bild von einer Gewehrkugeln zerfetzten Person. Ein weiterer „Renner“ ist die sogenannte „Promi-Leichenhalle“, die Bilder von toten Prominenten entweder am Tatort oder bei der Autopsie zeigt. Ja, es gibt sogar eine Webseite, welche die „Qualität“ von Gewalt verherrlichenden Internetseiten rezensiert!

   Da wird ein Lob ausgesprochen für eine Seite mit „Videos von Menschen, die von Hochhäusern springen, bei Bränden, Explosionen oder durch Feuerwaffen umkommen oder anderswie grauenvolle Qualen ausstehen“. Gute Noten bekam auch eine Webseite, die sich durch Bilder von „Krankheiten, Hinrichtungen, Mord, Missbildungen, Vivisektion, Unfällen und Völkermord“ hervor tut. Man kann sich perverse Lust vorstellen, welche der Webseiten-Kritiker beim Verfassen von Zeilen wie „Okay, Fans, hier ist das grosse Kotzen angesagt, schnallt die Sicherheitsgurten an!“ verspürt haben mag.

   Dass das Internet ein „Porno-Paradies“ ist, ist nicht neu. Aber Bilder wie die von Nick Bergs Ermordung zeigen, dass sich ein Besorgnis erregendes Phänomen im Netz ausbreitet: die Verquickung von Gewalt und Pornografie, auch „Gewaltpornografie“ genannt.

 

   DIESER JÜNGSTE Auswuchs der gesellschaftliche Verrohung verherrlicht Gewalt und stürzt sich mit voyeuristischem Bick auf scheussliche Verletzungen und Todesursachen. Solche Darstellungen führen zu „einer zunehmenden Abstumpfung gegenüber der Gewalt, die sich auf die reale Welt überträgt“. Erklärt Dave Walsh vom amerikanischen nationalen Institut für Medien- und Familienfragen. Oder etwas unverblümter ausgedrückt: Es besteht die Gefahr einer Massenpsychose.

   Es ist leider wahr, dass die Beliebtheit von realen, nicht gestellten Gewaltszenen stetig steigt. So bestätigt ein Betreiber eier einschlägigen Webseite, dass sich die Besucherzahl innerhalb von wenigen Jahren von ein paar Tausend auf inzwischen über 150 000 pro Tag vervielfacht hat. Heute kann man sich mit einem simplen Mausklick den Alptraum eines anderen Menschen zu Gemüte führen. Die Webseite mit dem Bild eines von Gewehrkugeln zerfetzten Mannes spricht für täglich 250 000 Besuchern. Als sich eine Lehrerin bei den Betreibern beschwerte, weil ihre Schüler diese Seite auf den Schulcomputern zu den Favoriten hinzugefügt hatten, bekam sie folgende hämische Antwort: „Das Netz ist doch kein Babysitter!“ Das Problem sei nicht das Internet, sondern die Tatsache, dass man „Kinder unbeaufsichtigt im Netz surfen lässt“.

   Inzwischen hat eine neue Studie der Universität von Michigan gezeigt, dass Kinder, die am Bildschirm regelmässig Gewaltzenen ausgesetzt sind, später als junge Erwachsene eher dazu neigen, selbst gewalttätig zu werden. „Für mich stet ausser Zweifel, dass unsere Heutige Kultur eine Verrohung bewirkt“, meint Joanne Cantor, eine Psychologin an der Universität von Michigan in Madison. „Je stärker man einem Umfeld ausgesetzt ist, in dem Gewalt und Feindseligkeit die Norm sind, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass man soche feinseligen Denkmuster selbst übernimmt.“

   Gewisse Kreise sehen in den Bildern der amerikanischen Soldaten, die lächelnd neben den von ihnen misshandelten irakischen Gefangenen im Gefängnis von Abu Ghraib posieren, bereits einen Beweis für die zunehmende Gefühlskälte der amerikanischen Gesellschaft. Ein Kolumnist einer Lokalzeitung  in New Hampshire meinte unlängst: „Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass die Kultur, die unsere jungen Soldaten hervorgebracht hat, die Definition des Begriffs Menschenwürde verwässert hat.“

        DOCH DIES lässt die Vertreiber von Gewaltpornografie kalt. Denn für viele sind solche Webseiten eine wahre Goldgrube – dank Werbeeinnahmen sowie dem Verkauf von Videos, T-Shirts und anderer Ware. Zudem verstecken sie ihren Voyeurismus geschickt unter dem Deckmantel der Redefreiheit.

   „Das Recht auf freie Meinungsäusserung muss vor dem verfassungsmässigen Recht auf Privatsphäre kommen“. Lautet das Argument des prominenten US-Internet Anwalts Lawrence Walters, der bereits mehrere Gewalt- und Pornografie-Webseiten vor Gericht vertreten hat. „Verstorbene haben eben, offen gesagt, kein Recht auf Privatsphäre mehr.“

   Das ist gut zu wissen. Doch wie steht es um die Todeswürde? Und um Verwandte eines Toten, die im Internet zufällig auf grässliche Bilder von ihm stossen?

   Als kürzlich die Verwandten eines jungen Mannes, der sich vor einen Zug geworfen hatte, bei der Webseite protesttierten, welche ein Bild der verstümmelten Leiche zeigte, lautete die zynische, ebenfalls auf der Webseite veröffentliche Antwort: „Wir raten dieser Familie, ihre Selbstmorde doch in Zukunft unter Ausschluss der Oeffentlichkeit durchzuführen.“

   Mit Internet-Filtern können Kindern zwar bis zu einem gewissen Grad vor derartigen Webseiten geschützt werden. Aber Hand aufs Herz; Kinder haben ja oft auch Freunde, deren Computer keinen Filter hat.

   Deshalb zeichnet sich vorläufig keine Lösung ab. Nicht, solange Leute wie Lawrence Walters diese Art von Voyeurismus mit Bemerkungen wie „Es interssiert uns halt, was andere Leute so treiben – ob es nun gut, schlecht oder abstossend ist“ verharmlosen.

   In der regellosen Welt des Internets scheint eine solche Haltung das A und O zu sein. Doch eigentlich ist sie eher eine Warnung an uns alle, dass wir moralisch bis zum Hals im Morast stecken und immer schneller sinken.

 

 


 

 

   Nach dem verheerenden Seebeben im Indischen Ozean Ende Dezember stellten Bildanbieter im weltweiten Netz zum Beispiel unter dem Titel „More Tsunami Victim Images“ grauenhafteste Fotos von Leichen zur Schau – Grossaufnahmen von Menschen mit schrecklichen entstellten Gesichtern. Offensichtlich hatte hier niemand abzuwägen versucht, ob das drastische Dokumentieren einer Katastrophe wirklich höher zu gewichten sei als die Wahrung der Würde ihrer Opfer.

 

 

Michael Crowley schreibt regelmässig

Kolumnen für Reader's Digest; daneben ist er

Redaktor beim Magazin The New Republic

 

                                                                                 Quelle: „Das Beste vom Februar 2005“

 

 

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